Wahr+Schön=Gut

DEM WAHREN – SCHÖNEN – GUTEN

MINIATUREN AUS DEM DEUTSCHEN ALLTAG

WSG-210Was ergibt sich, wenn wir diese zentralen Forderungen der deutschen Klassik als Maßstab für unsere Zeit anlegen? Was verbirgt sich hinter den verbraucht wirkenden Kategorien? Was ist heute wirklich noch wahr (-haftig), angesichts einer medialen Aufrüstung, die fast alles dem (schönen, hässlichen, freundlichen, moderaten etc.) Schein unterordnet.

Was bleibt vom wirklich Schönen, wenn unsere körperlichen und psychischen Kräfte zunehmend darauf ausgerichtet sind, Existenz und Alltag rundum zu ästhetisieren, zu polieren, glatt zu bürsten.

Nicht zuletzt: Hat das wahrhaft Gute noch eine Chance, wenn selbst größte globale Katastrophen und Kriege moralisch derart aufgeladen werden, dass seine genuine Qualität aus dem Blick gerät, weil Gutes sich nur noch in der Polarität zum Bösen findet? (Indem in Afghanistan, im Irak, im Jemen usw. das angeblich Böse bekämpft wird, ist der Krieg gerechtfertigt und gut.)

Premiere: Do, 27. 10. um 20 Uhr

Mit Texten von Goethe, Schiller, Platon, Ovid, Hildegard von Bingen, Claudius, Schwitters, Jandl, der IHK Oldenburg u.a.

MINIATUREN AUS DEM DEUTSCHEN ALLTAG

In einzelnen Szenen werden das klassische Erbe, die sog. Leitkultur und der neu in die Diskussion gekommene Bildungskanon mit der harten bundesdeutschen Wirklichkeit konfrontiert. Der Ruf nach mehr Bildung, die Forderungen nach höherer Qualifikation, die Debatten um die Durchsetzung der Leitkultur, aber auch Fragen nach der historischen Schuld der Deutschen erscheinen angesichts der sich verändernden Gegebenheiten als unzeitgemäß. (In Großstädten liegt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrations-Hintergrund teilweise bei über 50%). Während die Debatte über die Zugehörigkeit des Islam zur abendländischen Kultur die Medien beherrschte, ging fast unter, dass Gemeinden ihre Schulen, Sportstätten, kulturellen Einrichtungen nicht mehr unterhalten können, dass Lehrer und Ausbilder mit spezifischer Qualifikation für induktiven Unterricht fehlen usw.

Diese Widersprüchlichkeit paart sich mit jenem jüngsten Skandal, der die bürgerliche Gesellschaft möglicherweise noch lange und nachhaltig beschäftigen wird: der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Begangen und jahrzehntelang gedeckt von den unterschiedlichen Institutionen Kirche und Reformpädagogik. Hohepriester von Religion (Bischof Mixa, Regensburger Domspatzen, die Kreise ziehen sich bis nach Rom) und Säkularisation (wenn man so will, die geistig moralische Elite der Bundesrepublik personifiziert in Hartmut von Hentig, Klaus von Dohnanyi, Richard von Weizsäcker, Marion Gräfin Dönhoff usw.) betrieben oder deckten „freundliche Annäherungen“. Der autoritäre Missbrauch der Gewalt wich nach und nach dem antiautoritären der penetranten Nähe. Anstelle der fatalen Schläge trat das fatale Streicheln.

Angesichts dieser Befunde stellt sich die Frage nach dem Wahren, Schönen und Guten völlig neu. In einprägsamen Szenen werden die o. g. Widersprüche zugespitzt und mit Ansprüchen der europäischen Geistesgeschichte konfrontiert, die mit Platons Phaidros ein waghalsiges Paradigma erbte.

Das Projekt

Ein für die Region einmaliges Projekt begibt sich auf die Spuren jener Zeit, die in der Kunst noch wahre Menschlichkeit suchte, das Schöne, Gute und Wahre. Die Klassik sah in den harmonischen Formen der Kunstwerke ein Modell, das für alle Menschen einen "Vorschein" der idealen Gesellschaft zeigte.

Wenn sich vom 27. – 30. Oktober 2011 Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer und bildende Künstler in der HebelHalle Heidelberg unter dieser zentralen Idee treffen, bringen sie vorrangig Texte, Bilder und Kompositionen der Antike und Klassik zur Aufführung. Sie setzen sie in Bezug zu aktuellen Ereignissen und verweisen so auf ihre fortdauernde Aktualität und Lebendigkeit.

Der Abend beginnt thematisch mit der wechselseitigen Einwirkung von Orient und Okzident, ganz im Sinne von Goethes West-Östlichem Diwan. Tanzende Derwische kreisen zu altorientalischer Musik. Wenn diese sich fast beiläufig in Gregorianischen Gesang wandelt, wird die Brücke zwischen christlicher und islamischer Mystik spürbar. Ali Ungan, Martin Bärenz, Cris Gavazoni und Jutta Glaser wagen diesen musikalischen und thematischen Parforceritt über Zeiten und Kontinente.

WSG-342Oliver Groszer, ein international bekannter Jongleur, lässt nicht nur Bälle und Keulen wirbeln, sondern jongliert parallel dazu auch mit Platons Gedanken über das Schöne (Phaidros). Leichtigkeit und gedankliche Tiefe finden zu einer Harmonie, die dann zerstört wird, wenn er als ehemaliger Odenwaldschüler auf die dort übliche Praxis verweist, Platon als Kronzeugen für die sexuellen Übergriffe zu missbrauchen.

In einem vor den Augen der Zuschauer entstehenden Kunstraum, der sich füllt mit Projektionen bildender Künstler in Extremsituationen, trägt die bekannte Rezitatorin Verena Buss lebenspralle Szenen aus Ovids Metamorphosen vor…

Soviel sei bisher verraten. Die geschilderten Szenen sollen einen Eindruck vermitteln über Inhalt und Charakter der Texte, über Ästhetik und Atmosphäre der Darstellung. Der etwa zweistündige Abend gewinnt seine Gestalt aus unterschiedlichen Bildern und Ereignissen, deren zentrale Fragestellungen heißen:

WSG-436Können wir dieser klassischen Denkweise auch heute noch folgen? Trauen wir der aktuellen Kunst diesen zentralen Stellenwert (noch) zu? Was ist für uns Heutige wirklich und wahrhaftig, angesichts der medialen Aufrüstung, die zwischen Realität und Fiktion keine Grenze mehr kennt? Was ist über Zeiten und Räume hinweg das Verbindende im Kunstprozess?

Würden Schiller und Goethe die Ästhetisierung des Alltags dem Schönen zuordnen oder nicht eher dem schönen Schein, der die Oberfläche poliert statt zum Wesen der Dinge vorzudringen? Nicht zuletzt: Hat das Gute noch eine Chance, wenn selbst größte globale Katastrophen derart „designed“ werden, dass ihr Schrecken und ihre Grausamkeit im wahrsten Sinne aus dem Blick geraten?

Besetzung

Konzeption und Produktion: Hubert Habig
Musikalische Leitung: Jutta Glaser
Raum: Motz Tietze
Choreographie: Mario Heinemann
Dramaturgie: Christiane Adam
Produktionsassistenz: Erika Ebel
Marketing und Grafik: Gerhard Fontagnier

Mitwirkende: Martin Bärenz, Felix Berchtold, Verena Buss, Cris Gavazoni, Miriam Grimm, Jutta Glaser, Miriam Grimm, Oliver Groszer, Erim Güney, Florian Kaiser, Ali Ungan, Svetlana Wall

Vorstellungen am Do, 27. / Fr, 28. / Sa, 29. 10. 2011 jeweils um 20:00 Uhr

Podiumsgespräch in Kooperation mit der Goethe-Gesellschaft Heidelberg

So, 30.10. 2011 um 20:00 Uhr

WAS MACHT DIE KUNST?

Mit ausgewählten Programmpunkten der Aufführung

Mit dem Germanisten und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Jochen Hörisch, dem Psychotherapeuten Prof. Dr. Rainer Holm-Hadulla, der Schauspielerin und Dozentin Verena Buss, dem Chefdramaturgen des Mannheimer Nationaltheaters Ingoh Brux, dem Leiter des DAI Jakob Köllhofer, dem Regisseur Hubert Habig und dem freien Journalisten Arndt Krödel.

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