Sampling Hamlet

Die Grundsituation lässt sich einfach beschreiben: Schauspieler probt mit der Souffleuse für die Rolle des Hamlet. Er will „seine Figur finden“. Dabei ist er längst unlösbar mit dieser verstrickt. Jede Distanz verliert sich im Durchforsten des Eigenen. Durch die Lust am Spiel mit dem eigenen Selbst, durch leidenschaftlich-komisches Scheitern wird Hamlet in allen Facetten seines Tuns vorgeführt; es ist ein Spiel mit Freund und Feind, mit sich selbst, seinen Gefühlen und Identitäten.

Vorgänge und Ereignisse

Sampling

sample / `sampl US `sempl / n (C) specimen; one of a number, part of a whole, taken to show what the rest is like…test a part of: spend an hour at the vintner´s sampling his wines. Auch Musiker schätzen den Sampler, um aus vorhandenem Material neue Sounds zu erschaffen.

Hubert Habig 130310_0346Sampling Hamlet - Uraufführung
von Hubert Habig

Daniela Zähl und Christian Birko-Flemming in Sampling Hamlet. Ziel der Arbeit ist zunächst die Dekonstruktion des klassischen Textes. In einem weiteren Schritt werden die Bruchstellen mit Material aus dem „persönlichen Fundus“ der Schauspieler (ganz im Sinne Stanislawskis) aufgefüllt. Aus beiden Segmenten entsteht eine neue Textur.

Ästhetik und Form/Inhalt

Wie kommt man auf den Geschmack? Im Spiel ist Tarnung erlaubt, ja, um es erfolgreich zu meistern, Voraussetzung für dessen Fortgang. Hamlet spielt mit dem Repertoire, das er in der Theatermaschinerie vorfindet. Einem neugierigen und egomanischen Kind gleich zerlegt er eherne Gattungsgesetze, um sie auf die ihm eigene Weise wieder zu montieren. Nachher ist nichts mehr wie vorher. „Welch Fest geht vor, dass du auf einen Schlag so viele Fürsten so blutig trafst?“ Die Akteure verlieren sich im Kampf der Ungereimtheiten. Die Kategorien sind wie bei Büchners Leonce „in der schändlichsten Verwirrung“.

Schauspielkunst

Im Hamlet bevölkert ein neuer Typus Schauspieler die Bühne, der sich ihrer Spannung von Schein und Sein in spezifischer Weise nähert. Seine diskursive Spielweise bestimmt nicht nur das Handeln der Hauptfigur, sie setzt sich fort bis in die dem Volkstheater entliehenen Nebenfiguren. Wenn der Totengräber in V, 1 darüber philosophiert, ob Ophelia angesichts des Freitods christlich beerdigt werden kann, übernimmt er die von Gerichtsfällen bekannte Dreiteilung imagination, resolution, perfection und überträgt sie auf sein Handlungsschema, to act, to do und to perform, das nach ihm unwissentliches, auch unreflektiertes, vom wissentlichen Handeln trennt. Indem Ophelia ins Wasser geht, um ihren Tod auszuführen bzw. aufzuführen, verletzt sie vermeintlich christliche Gebote, die solchen Freitod als Selbst- Mord brandmarken. In Wahrheit ist die Tat jedoch Folge ihres Wahn-Sinns und keinesfalls Ergebnis eines wohldurchdachten Kalküls.

Hamlet bewegt sich auf einem Grad, der zwischen Wahnsinn und Kalkül, zwischen Ereignis und Darstellung permanent wechselt. Mit den Worten des Totengräbers kommt das Wasser demnach zur Leiche, was heißt: sie ertränkt sich nicht selbst. Und: „wer am eigenen Tod nicht schuld ist, verkürzt sein eigenes Leben durchaus nicht.“ (V, 1 ) Der Geist des Vaters erscheint ihm ebenso, wie ihn der Wahn ereilt; aber er spielt auch mit beidem, setzt es ein, kultiviert es um seine Feinde damit zu schockieren, seine Zuschauer damit in seinen Bann zu ziehen. Die Dialoge mit dem Geist sind immer auch Theatermittel, also Behauptungen, sowohl gegenüber den Figuren der Handlung als auch gegenüber dem Publikum. Das Bild des Wahnsinns und das gleichzeitige Erschrecken davor bilden eine Einheit, die er als mimetische Mittel einsetzt und zugleich physisch erlebt.

Sowohl in den Handlungssequenzen des Stücks als auch in den von der Truppe gespielten Pantomimen werden mimetische Vorgänge gleichzeitig behauptet und hinterfragt. Dadurch wird auch der „echte“ Zuschauer in eine Position gedrängt, die ihn zu einer mimetischen Stellungnahme zwingt. Er kann sich nicht mehr heraushalten, andernfalls muss er gehen. Statt Illusionsraum bietet Shakespeares Hamlet einen zirkulären selbstreferentiellen Rahmen, der Handlung und Darstellung der Handlung gleichzeitig zum Objekt der Auseinandersetzung macht: Spielt Hamlet die Wahngebilde, zieht er sie also heran oder verfolgen sie ihn wirklich? Claudius spricht von Verwandlung Hamlets: „So nenn ich es, weil nicht der äußere, noch der innere Mensch dem ähnelt, was er war.“ (II, 2) Wenn er selbst die Darstellung seines Mords am Bruder durch die Schauspieltruppe aus Angst, dass ihn die Erregung verraten könnte, verlässt, holt ihn das begangene Verbrechen ebenso ein, wie Hamlet vom Geist seines Vaters nicht losgelassen wird. Shakespeare vertraut hier wie sein Protagonist Hamlet voll auf die Beweiskraft dieser mimetischen Vorgänge.

Shakespeares Hamlet

Prinz Hamlet erfährt vom Geist seines toten Vaters, dass dieser von dessen Bruder Claudius, dem jetzigen König von Dänemark, kaltblütig im Schlaf ermordet wurde. Der Geist fordert Hamlet zur Rache an dem Verbrecher auf.

Hamlet täuscht Wahnsinn vor um die Wahrheit zu erfahren und schließlich Rache an Claudius nehmen zu können. Nach einem Schauspiel, in dem Claudius seine Tat vor Augen geführt wird, weiß der König, dass Hamlet ihm gefährlich werden wird. Er beschließt, Hamlet nach England zu schicken und ihn dort ermorden zu lassen.
Auf der Reise kann Hamlet das Schicksal zu seinen Gunsten ändern, nach Dänemark zurück kehren und den Plan seiner Rache fortführen. Bevor er in einem Duell stirbt, erfüllt er noch den Auftrag seines Vaters und rächt dessen Mord.

Textgeschichte
Der Stoff entstammt der lateinischen Geschichte der Dänen, die von Saxo Grammaticus zwischen 1180 und 1208 verfasst wurde. Das vierte und fünfte Buch erzählt von dem jungen Prinzen Amlethus, der den Mord an seinem Vater Horwendil rächen möchte. Dazu täuscht er dem dänischen Hof und seinem Onkel Fengon Wahnsinn vor. Fengon bemerkt die Täuschung und versucht Amlethus durch Fallen und Tricks zum Scheitern zu bringen. Amlethus kann sich aber dank seiner eigenen List vor der Gefahr retten und schließlich Fengons Mord an seinem Vater rächen.

Eine ganze Reihe von Dichtern beschäftigte sich vor Shakespeare mit dieser Geschichte. François Belleforest schrieb 1567 den Bericht Saxos in abgeänderter Form in einer Serie tragischer Gedichte nieder. Das Schauspiel eines unbekannten Autors dieser Zeit hat die tragische Geschichte des dänischen Prinzen ebenfalls zum Inhalt.
Hinweise für einen "Ur-Hamlet" gibt es bereits 1589. Shakespeare schrieb sein Trauerspiel um 1600. Es ist jedoch unklar, welchen Quellen Shakespeare seinen HAMLET zu verdanken hat. Es ist anzunehmen, dass eine ganze Reihe von Inspirationen seinem Werk Pate standen.

Besetzung

Besetzung:
Hamlet: Christian Birko-Flemming
Souffleuse: Daniela Zähl
Regie: Hubert Habig
Ausstattung: Motz Tietze
Beratung: Helga Grimme

Rechte: Verlag Autorenagentur Berlin
Dauer: ca. 1:15 Std.

Hubert Habig 130310_0289Christian Birko-Flemming wurde 1979 in Limburg geboren. 2001-2004 absolvierte er seine Schauspielausbildung an der Theaterakademie Mannheim. Währendessen spielte er bereits in verschiedenen Projekten der Mannheimer Off-Szene und an Theatern in der Region. 2005-2008 folgte ein festes Engagement an die Badische Landesbühne. Seit 2009 arbeitet er als freischaffender Schauspieler und Sprecher für Synchron, Funk und Fernsehen.

 

 

Hubert Habig 130310_0365Daniela Zähl wurde im Rheinland geboren und studierte zunächst Philosophie und Kunstgeschichte bevor sie über die Studiobühne Köln ihre Theaterleidenschaft entdeckte. Nach ersten Engagements in Köln und Düsseldorf ließ sie sich in Salzburg zur Schauspielerin ausbilden. Sie gehörte acht Jahre dem Ensemble der Elisabethbühne an (heute Schauspiel Salzburg).

Weitere Stationen waren Heidelberg, Coburg und Halle. Daniela Zähl hatte mehrere Auftritte in Fernsehproduktionen und spielte im Film "Emilia" (nach "Emilia Galotti" von Lessing) die Mutter der Titelrolle. Sie wirkte in zahlreichen Lesungen mit (u.a. Jüdische Kulturtage Heidelberg) und beschäftigte sich zuletzt intensiv mit dem Werk des Lyrikers Lothar Walsdorf. Heute lebt Daniela Zähl als freie Schauspielerin in Berlin.

Presse / Bilder